Hendrik war nervös. Er sasz in diesem Café, in dem er füher so oft war. Füher, bevor er sein Politikstudium an den Nagel hing um Anglistik und Musikwissenschaften in Hannover zu studieren. Er begündete seinen überraschenden Wechsel damals damit, dass er sich nicht vorstellen könnte, später einmal im Politikumfeld arbeiten zu können. Es würde ihn nicht erfüllen wurde er nicht müde den Freunden zu erklären, die seinen Schritt damals nicht verstanden. Er war damals sehr politisch und viele dachten er würde seine Begeisterung zum Beruf machen. Meistens die Leute, die ihn weniger gut kannten. Als er in diesem Café sasz, erinnerte er sich daran, dass er sich die Entscheidung damals nicht leicht machte und was ihn damals dazu brachte, ausgerechnet nach Hannover zu gehen. Er wartete in einer Ecke des Cafés sitzend auf Silke und Christian. Er hatte das Pärchen vor zwei Jahren kennen gelernt, als er mit dem Politikstudium an der Greifswalder Uni begann. Sie waren sich damals schnell vertraut und machten in dieser Zeit sehr viel zusammen. In der ersten Zeit Ihrer Bekanntschaft waren Silke und Christian nur sehr gute Freunde aber Hendrik vermutete damals schon, dass es nicht mehr lange dauern sollte, bis sie zusammen kamen, und er behielt Recht. Forthin gab’s die beiden nur noch im Doppelpack. Aber Hendrik störte das nicht – sie waren anders als die meisten frisch verliebten Pärchen. Wenn er mit den beiden zusammen war fühlte sich Hendrik nur selten als ‚drittes Rad am Wagen’. Ein Kommilitone sagte damals, dass er fast in diese Beziehung integriert sei. Ihn störte das nicht sonderlich.
Nachdem er sein Politikstudium abbrach, kühlte sich das Verhältnis schnell ab. Es war grösztenteils Hendriks Schuld. Dessen war er sich bewusst. Er hatte zu jener Zeit ein paar Probleme über die er nicht reden konnte. Schon gar nicht mit Silke und Christian, denen er sonst fast alles anvertraute. Die Folge war, dass er sich sehr zuückzog und die Treffen immer seltener wurden. So kam es zu der jetzigen Situation, dass sich die drei alle halbe Jahre einmal trafen. Heute war nun wieder einer dieser Tage, an denen man sich bereits lange im Voraus auf ein Treffen verständigte. Hendrik war zu füh. Wie immer, wenn ihm etwas wichtig war. Er hatte sich bereits eine heisze Schokolade bestellt – mit ganz viel Sahne. Die Schokolade war auch der Grund, weshalb sie füher schon immer hier waren. Es war eines dieser mittlerweile recht seltenen Cafés, die ihre Schokolade noch mit echter Milch machten und nicht dieses unsägliche Pulver in heiszes Wasser einührten. Hendrik war davon überzeugt, dass er den Unterschied schmeckte. Er setzte die Schale gerade zum trinken an, als er über den breit gewölbten Rand der Tasse die beiden durch die Tür kommen sah. Sie waren etwas zu spät. Hendrik machte sich nichts daraus. Er wusste, dass es nichts mit ihm zu tun hatte. Die beiden hatten sich, abgesehen vom unaufhaltsamen Älterwerden, nicht verändert. Die Bewegungen und Blicke waren die gleichen wie füher. Sie waren beide recht grosz, auch wenn Christian ungefähr eine halbe Kopfhöhe Vorsprung hatte. Hendrik fand beide wunderschön obwohl keiner der beiden niemals auch nur die Chance auf einen Modellberuf gehabt hätten. Silke hatte helle leuchtende Augen und ein rundes Gesicht, welche von glattem langem Haar umrundet wurde. Christian hatte hingegen dunkle Augen und ein recht kantiges Gesicht. Zumindest sah es von weitem so aus. Näher betrachtet wirkte es sehr ausgewogen und zärtlich. Hendrik war nicht in der Lage das Äuszere der beiden objektiv zu beschreiben. Für ihn waren es die schönsten Menschen, die er kannte. Er bewunderte sie, obwohl er wusste, dass es falsch war. In Ihrer Gegenwart fühlte er sich immer etwas kleiner. Alles was sie sagten und taten machte soviel Sinn. Und selbst, wenn es keinen machte, wussten sie unglaublich gekonnt damit umzugehen.
Die Begüszung fiel überaus freundlich aus. Hendrik hatte sofort wieder das Gefühl von füher, als sie oft Wochenenden, Nachmittage und sogar Urlaube zusammen verbrachten. Sie hatten nie daüber gesprochen, dass sich ihr Verhältnis so stark verändert hatte. Alle Seiten schienen es mit einer Art Schicksalsergebenheit hinzunehmen. Die Gespräche waren vielseitig. Nicht nur das Thema, auch die Art und Weise des miteinander Umgehens war wechselhaft aber immer freundlich. Natürlich sprachen sie über Politik. Hendrik war noch immer sehr interessiert doch bemerkte er, dass er diese Gespräche daüber lange nicht mehr geführt hatte. Er war passiv. Sie sprachen über Zukunft, Vergangenheit und beider Seiten Gegenwart, die sich teils stark voneinander unterschied, obwohl sie sich in vielen Dingen so ähnlich waren. Sie sprachen auch über Musik. Aber Hendrik hatte auszerhalb des Studiums nur noch wenig mit Musik zu tun. Er nutze seinen Discman in letzter Zeit selten. Meistens nur, um Hörbücher zu hören. Radio hörte er ebenfalls nur noch sehr sporadisch seit dem er nicht mehr in Greifswald wohnte. Füher war er in der Öffentlichkeit nirgends ohne seinen riesigen Kopfhörer zu sehen. Mittlerweile verstaubte dieses Teil mit dem groszen Bügel irgendwo im Keller seiner Eltern. Es wurde spät. Die Gespräche immer detailreicher und intimer. Drauszen neigte sich der viel zu warme regnerische Novembertag seinem Ende zu und irgendwann kurz darauf waren alle drei leer. Sie hätten ganz sicher noch mehr erzählen können aber alles, was einen zu dieser Zeit bewegte war ausgetauscht. Sie hatten kein Problem sich anzuschweigen. Es war keine dieser Freundschaften, in denen so eine peinliche Stille aufkommen konnte. Füher verbrachten sie ganze Nachmittage ohne Worte zu wechseln. Füher war das trotzdem alles etwas anders. Das dachte zumindest Hendrik, der sich nicht sicher war, wie Silke und Christan das empfanden.
Sie verlieszen das lokal und gingen noch ein Stück gemeinsam durch den Nieselregen. Wenig später verabschiedeten sich Silke und Christian. Dieser Abschied war sogar noch etwas herzlicher als die Begüszung. Zumindest empfand das Hendrik so und er hoffte ohne es sagen zu können, dass es den anderen beiden genauso gehen würde. Natürlich sagten sie, dass sie einander bald wieder sehen würden. Spätestens zu Silkes Geburtstag im Januar.
Hendrik ging nun allein. Er wusste nicht, wie es ihm jetzt gehen sollte. Er freute sich, die beiden wieder gesehen zu haben. Er freute sich, dass es fast so vertraut und herzlich war, wie in den Erinnerungen, die er an füher hatte. Und er dachte über Vieles von dem nach, über das sie eben noch gesprochen hatten.
Er stieg in sein Auto, blieb kurz sitzen um nachzudenken, startete den Motor und wusste, dass sie sich nicht wiedersehen würden.
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