(eine Kurzgeschichte, keine Verschwörungstheorie)
Mit dem Aufstand breiter Bevölkerungsmassen im Herbst 89 hatte sich einiges verändert. Der Führung war klar geworden, dass fortan die bisherigen Repressionen nicht weiter aufrecht erhalten werden konnten. Die Bürger hatten – trotz der umfangreichen Bestrebungen der Führung – ein Maß an Emanzipation erreicht, welches die bisherige Praxis zu einem vollkommen wirkungslosen und korrupten Netzwerk von Einzelinteressen machte, die nicht mehr geeignet waren, um die bestehende Ordnung aufrecht zu erhalten. Viele verließen den Machtapparat in dieser Zeit. Einige stellten sich ihm direkt entgegen.
Die Westmedien hatten mittlerweile einen dermaßen hohen Grad an Durchdringung erreicht, dass selbst Genossen, die bis dahin als besonders loyal galten, misstrauisch wurden. Der einzige Ausweg aus dieser Situation war die Flucht nach vorn. Irgendetwas musste passieren. Etwas, was bahnbrechend genug war, um alle Verdächtigungen und jegliches Misstrauen zu zerstreuen. Es war klar, dass dafür einige Ideale über Bord gehen mussten.
Die Widerstände innerhalb der Führung waren anfangs groß. Doch mit der Zeit waren alle ranghohen Mitglieder der Führung überzeugt, dass dies die einzige Möglichkeit des Machterhalts darstellen würde. Fast alle. Eine Genossin, die bis dahin eine führende Rolle im Leitungsapparat der Staatssicherheit spielte, wollte diesen Weg nicht mitgehen. Sie war offensichtlich die einzige Person in diesem Kreis, die an der Notwendigkeit dieses Schrittes zweifelte. Niemand der anderen sprach wie sie von der Priorität und Unveränderlichkeit von Werten und Idealen. Mit Tränen in den Augen verließ sie damals die konspirative Sitzung, auf der das künftige Vorgehen entschieden wurde. Sie starb wenig später unter tragischen Umständen.
So einfach die inneren Widerstände zu überwinden waren, so schwierig war es, den gefassten Plan umzusetzen. Er war genial aber riskant. Niemand würde nach einem fingierten Systemwechsel ernsthaft den bisherigen Führungszirkel der dann ehemaligen DDR verdächtigen, für diese Entwicklung verantwortlich gewesen zu sein.
Die Bürgerrechtsbewegungen der DDR und die Politik in Westdeutschland waren in diesen Tagen sehr euphorisch. Der Zulauf der Bürger, die sich für einen demokratischen Wandel -wie sie es nannten- einsetzten, war groß. Der Bedarf an Personen, die Führungsverantwortung übernehmen konnten, ebenfalls. So war es nicht schwer in die Leitungsetagen der unzähligen Organisationen vorzudringen, um die Protestbewegung in die gewünschten Bahnen zu lenken. Schwieriger war es, die nichtorganisierten Teile der Bevölkerung zu steuern. Das lag auch daran, dass dieser Umstand bis dahin völlig unbekannt war. In der DDR hatte man frühzeitig damit begonnen, die gesamte Bevölkerung in Parteien, Vereinen und Verbänden zu organisieren. Dieses Konzept funktionierte bis dahin sehr gut, war nun aber nach vierzigjährigem Einsatz endgültig überholt. Es war also zwingend notwendig, die Medien, die in Westdeutschland schon immer ein außergewöhnlich hohes Maß an Vertrauen genossen, für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Natürlich konnte dies nicht nach der bisherigen Praxis in der DDR geschehen. Nun galten Medien als frei und unabhängig. Hinzu kam die unüberschaubare Vielzahl an Zeitungen, Fernsehsendern und Magazinen. Es hätte Jahrzehnte gedauert, diese in den Dienst der Sache einzuspannen. Zudem wäre die Gefahr groß gewesen, dass kritische Beobachter Verdacht schöpfen würden. Es musste also ein Weg gefunden werden, der nicht die Medien direkt sondern vielmehr die Repräsentanten des Staates beeinflusste.
Eine Gesellschaft mit freien und unabhängigen Medien war nicht zu vergleichen mit dem Einfluss der Medien in der DDR. Während dort die Presse als direktes Lenkungs- und Steuerungsorgan eingesetzt werden konnte, waren die Medien in Westdeutschland schon immer nur ein Spiegel des gesellschaftlichen Lebens. Nicht umsonst hieß eines der Leitmedien in Westdeutschland genauso: „Der Spiegel“. Unter diesen Umständen musste eine Methode angewendet werden, welche die Medien indirekt für die Ziele der Führung instrumentalisierte. Eine Methode also, welches die Denk- und Handlungsweisen aller Bürger der Gesellschaft indirekt beeinflusste. Aber wie konnte eine solche Methode aussehen? Sie müsste auf etwas abzielen, was grundlegend für alle Mitglieder einer Gemeinschaft ist. Früher hätte das Arbeit oder Familie sein können. Industrialisierung, Ökonomisierung, Sozialstaatlichkeit und viele gleichläufige Entwicklungen hatten diese Institutionen aber im zunehmenden Maße marginalisiert. Sie waren nicht mehr bedeutend genug, um die gesellschaftliche Ordnung grundlegend zu beeinflussen. Die einzig verbliebene Institution, welche in dieser Zeit noch mächtig genug war, war die Sprache. Die Sprache war das Einzige, welches in den letzten Jahrhunderten seine Macht und Bedeutung für die gesellschaftliche Konstitution sogar ausbauen konnte.
Aber was sollte man machen mit der Sprache? Man musste die verändern. Neue Wörter erfinden? Vielleicht sogar eine neue Sprache? Das alles klang absurd. Viele Beispiele in der Geschichte haben gezeigt, dass es nie gelungen ist, einer Bevölkerung eine neue oder andere Sprache aufzuzwingen. Die Sowjetunion versuchte seit Jahrzehnten die Sprachen der ehemals baltischen Staaten zu unterdrücken und russisch als einzige Kommunikationssprache durchzusetzen. Trotz erheblicher Gewaltanwendung scheiterte sie bislang damit.
Die Sprache selbst konnte man also nicht ändern. Aber ihren Sinn, ihre Begrifflichkeiten. Die Bedeutung von Begriffen einer Sprache, die können verändert werden. Bert Brecht sagte einmal, dass Begriffe Griffe wären, mit denen man die Welt verändern könne. Es musste also darum gehen, den Sinn von Wörtern neu zu besetzten. Gerade in den Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs war dies möglich. Wenn man derzeit nur regelmäßig und oft genug von Freiheit und zukünftiger Freiheit sprechen würde, wäre es ein leichtes, diesen Begriff mit dem Neuen, dem künftigen System, zu verknüpfen. Dieser Begriff ist nur eines von vielen Beispielen. Genauso würde man es auch mit vielen weiteren Begriffen wie Selbstbestimmung, Erfolg, neu, modern, demokratisch oder auch Metaphern wie den blühenden Landschaften, die später eine zentrale Bedeutung bekommen sollten, machen.
Diese Methode war so erfolgreich, dass selbst die Führung überrascht war. Innerhalb von wenigen Monaten hatten sie einen Systemwechsel vollzogen und zwei völlig verschieden sozialisierte Bevölkerungen miteinander vereinigt. In der Öffentlichkeit wurde diese Vereinigung als eine Integration der Ostdeutschen in die Gesellschaft der Westdeutschen verstanden. Dieser Schachzug war gleichsam genial. Während das Westdeutsche System positiv besetzt war, galt das Ostdeutsche als Tyrannei. Nur wenige hatten bemerkt, dass die Integration genau andersherum verlief und nur die Mittel der Machtsteuerung andere wurden. Diese wenigen wurden gemeinhin belächelt. Wer hätte sie ernst nehmen sollen? In gewisser Weise verstärkten sie sogar die allgemeine Wahrnehmung. Sie dienten den Medien zur Darstellung eines Feindbildes der Ewiggestrigen.
Die Führung konnte ihren Machterhalt sichern. Niemand hätte vor einigen Jahren geglaubt, dass dieses verfilzte und unbewegliche Machtgefüge sich noch lange an der Macht halten konnte. Sie inszenierten eine Revolution, um sich selbst zu reformieren. Damit gab es eine Revolution, welche das Gesellschaftsgefüge, nicht aber das Machtgefüge grundlegend erneuerte. Das Machtgefüge blieb das alte, die Machtausübung war es, die revolutioniert wurde. Es gibt Personen die behaupten, dass genau dies das Wesen einer jeden Revolution sei.
Die Führung hatte sich verabschiedet von der direkten Führung. Sie hatte sich hin zu einer indirekten subversiven Führung entwickelt, die nur schwer zu hinterfragen war. Und wieder passierte das, dessen Folgen man zu dieser Zeit „die Wende“ nannte. Da die Macht der Führung nicht bedroht war, wurde sie nachlässig. Wie in den vierzig Jahren vor der Revolution, bildeten sich Netzwerke von Eigeninteressen. Die zeitintensive und zugleich anspruchsvolle Manipulation der Begriffe in der Sprache schien an Bedeutung für den Machterhalt zu verlieren. Ganz offensichtlich fühlte sich die Führung in ihrer Macht unangreifbar.
Aber es gab auch andere Ursachen. Andere Akteure, die aktiv Einfluss auf die Bedeutung der Sprache nahmen und somit die Machtmittel der Führung einschränkten. Die genauen Ursachen lassen sich im Einzelnen aus der heutigen Perspektive nicht mehr genau rekonstruieren. Es wurde allerdings immer offensichtlicher, dass die Deutungshoheit der Führung über die Sprache drastisch abnahm. Zwanzig Jahre nach der Revolution schien die Macht der Führung aufs Neue bedroht. Die Warnungen, welche es schon seit Jahren im Führungszirkel gegeben hatte, wurden langsam aber sicher ernster genommen. Mit aller Macht nahm sie nun den Kampf auf. Den Kampf um die Sprache. Zentral bei diesem Kampf wurde ein ganz bestimmter Begriff. Dieser Begriff sollte darüber entscheiden, ob die Macht der Führung erhalten bleiben sollte ober ob sie für immer untergehen würde. Es war der Begriff „Sicherheit“.
Warum gerade Sicherheit? Sicherheit ist grundlegend für die Konstitution einer Gesellschaft. Eine Bedrohung der Sicherheit – was auch immer darunter verstanden wird – ist eine Bedrohung der Gesellschaft. Es folgt daraus, dass außergewöhnliche Mittel zur Verteidigung der Sicherheit, und damit der Gesellschaft, eingesetzt werden müssen. Hunderte Kriege wurden damit legitimiert, unzählige Gesetze mit dieser Begründung erlassen.
Wenn es die Führung also schaffen würde, den Begriff der Sicherheit so zu prägen, dass er dem Erhalt der Führung dienen würde, hätte sie diesen Krieg gewonnen. Dieser Plan schien allerdings kurzsichtig, wie sich später herausstellte. Zu diesem Zeitpunkt sah es aber im Sinne der Führung gut aus. Sie hatte ganz offensichtlich noch ausreichend Macht, um den Begriff der Sicherheit in ihrem Sinne zu deuten. Das allein reichte aber nicht aus. Die Deutung des Begriffes war nur der erste Schritt zur Erhaltung der Macht. Sie ebnete lediglich den Weg für Maßnahmen, die den Gegner vernichten sollten. Absurderweise schienen nun genau die Mittel dem Machterhalts wieder dienlich zu sein, die vor über zwanzig Jahren fast zum Machtverlust geführt hatten. Die direkte Repression wurde quasi wiederbelebt. Personen, die sich gegen die Macht der Führung stellten wurden systematisch zerstört. Früher wie damals hieß das nicht zwingend, dass diese Personen sterben mussten. Es gab viele Methoden, um den Gegner seines Bedrohungspotenziales zu berauben. Viele davon waren grausamer als der Tod.
Überwachung gesellte sich neben der Manipulation der Sprache zu den Schlüsseltätigkeiten, die der Führung die Macht garantierte. Die Waffen des Krieges waren keine Panzer, Jets oder Raketen mehr. Die systematische Aufklärung und Überwachung des Gegners wurde das Erkennungsmerkmal eines Krieges, der die Erlösung durch den Tod nicht kannte.
Wozu früher unzählige so genannte inoffizielle Mitarbeiter benötigt wurden, konnte nun durch moderne Technik durchgeführt werden. Die fast vollständige Digitalisierung der Kommunikation und die nahezu grenzenlos zur Verfügung stehende Rechenkapazität von Computern machten eine maschinengesteuerte Überwachung in einer einzigartigen Präzision möglich.
Erstmals in der Geschichte der Machtausübung war es gelungen, Macht auf einen kleinen exklusiven Kreis, den der Führung, zu beschränken. Niemals zuvor konnten die Inhaber von Macht darauf verzichten, Scharen von unterwürfigen Lakaien unter sich zu einigen. Diese hofften durch Ihr Dienen an der Macht teilhaben zu können. Auf dieses Prinzip ließen sich alle bisherigen Formen der Machtausübung zurückführen. Nicht so diese. Sie war neu. Sie war bis dahin einzigartig. Sie basierte auf dem Dienen der Technik.
Die Führung hatte das erreicht, worauf im Grunde alle Machthaber zuvor hingearbeitet hatten. Sie hatte es geschafft, den Fortschritt so zu lenken, dass sie die Unterjochung der Massen perfektionierte. Erstmals war Herrschaft nicht auf die Unterstützung von Beherrschten angewiesen. Die Massen hatten alle in der Hoffnung auf eine bessere Welt mit ihrer Forschung auf allen Gebieten der Wissenschaft dazu beigetragen, die Ausübung von Macht zu perfektionieren. Es zeigte sich, dass die Definition des Begriffs „Fortschritt“ in seiner Bedeutsamkeit ebenso entscheidend war, wie es das Definieren von „Sicherheit“ in Zeiten des Krieges war.
Es wurde also klar, dass derjenige die Macht besaß und fortan immer besitzen würde, der die Deutungshoheit über die Sprache und ihre Begriffe innehaben würde. Das wäre die Führung. Das wären wir.


Aber ist nicht das Grundlegende – und zugleich auch das, was eben diese Systeme unterscheidet – die Art und die Möglichkeit Führung und dadurch Macht zu erlangen? Du magst meine Einschätzung als verklärt bezeichnen, dennoch halte ich das jetzige Wahlsystem für weitgehend demokratisch. Das heisst, jeder hat die Möglichkeit selbst Führung und Verantwortung im Sinne eigener Ideale zu übernehmen. Es TUN nur die wenigsten!