Ich schaue nach oben und sehe am wolkenlosen blauen Himmel zwei Drachen lautlos im heißen Ostwind schweben. Zwei kleine einfache, offenbar selbst gebastelte Trapeze stehen dort über den Dächern dieser Stadt, in der es absurder nicht zugehen könnte.
Die Drachen ähneln sich sehr. Beide haben eine einfache, fast quadratische Bauform und lange verzierte Schwänze, die sich scheinbar synchron mal nach links und mal nach rechts im Wind hin und her bewegen. Ich senke den Blick etwas und sehe am anderen Ende der Drachenschnüre nur wenige hundert Meter voneinander entfernt jeweils eine Gruppe von Kindern auf Häuserdächern stehen. Augenscheinlich haben sie alle dieselbe Freude am Drachensteigen. Doch werden sie ihre Freunde daran möglicherweise niemals teilen. Sie sind getrennt durch hohe Mauern, Stacheldraht, Bewaffnete Personen mit und ohne Uniform und durch die zermürbende Gegenwart eines Konfliktes, der viel älter ist als diese Kinder.
Ich muss etwas genauer hinschauen, um den Unterschied zu sehen. Die Kinder der einen Gruppe haben einen auffälligen Haarschnitt und tragen ungewöhnliche Kleider. Es sind die Kinder von etwa tausend orthodox jüdischen Siedlern, die sich hier in der Innenstadt von Hebron niedergelassen haben. In einer Stadt, die mehrheitlich von arabisch stämmigen Moslems bewohnt wird. Sie leben nicht miteinander. Es ist wohl eher ein gegeneinander, welches die Situation der hier lebenden Menschen beschreibt.
Ich blicke geradeaus und sehe vor mir eine Gasse mit wenigen Menschen und ein paar offenen Geschäften. Sie wird von Maschendraht überdeckt, welcher links und rechts an den einstöckigen Bauten angebracht ist. Dieses notdürftig befestigte Zaungitter soll vor Attacken schützen. Auf diesem hat sich bereits einiges angesammelt: Pflaster- und Ziegelsteine, Flaschen und Müll aller Art.
Ich gehe nur ein kleines Stück weiter und gelange zu einem Checkpoint. Fünf Soldaten stehen hinter mannshohen Betonblöcken. Sie kontrollieren meinen Pass und fragen nach meinen Beweggründen hierher zu kommen. Keiner ist nur annähernd so alt wie ich. Sie tragen schwere kugelsichere Schutzwesten und große Maschinengewehre. Die meisten von ihnen wirken eher gelangweilt als angespannt. Andere haben offenbar das Bedürfnis nach Anerkennung und nehmen ihren Job peinlich genau. Fragt man sie nach Ihren Motiven für Ihren Dienst in Hebron, so sind die Antworten sehr unterschiedlich. Während einige nur darauf warten, die dreijährige Wehrpflicht zu beenden und bereits von einer Weltreise träumen, sind andere sehr stolz darauf, ausgerechnet an diesem Ort und in dieser oder jener Kompanie ihren Dienst ableisten zu können. In einem kurzen Gespräch erzählt einer von ihnen aus dem Alltag als Soldat der Israel Defence Force (IDF) in Hebron. Es sind nicht nur die Palästinenser vor denen sie Angst haben - es sind auch die Siedler, die nicht selten die eigenen Sicherheitskräfte angreifen.
Ich versuche mit Leuten auf beiden Seiten ins Gespräch zu kommen. Zu dem Konflikt äußern sie sich meist nur indirekt. Sie alle beteuern ihren Willen zum Frieden – nicht aber den Willen zu einem Kompromiss, der diesen Frieden in scheinbar erreichbare Nähe rücken ließe. Es ist dies der Ausdruck eines Konfliktes, der sich weder mit rationalen Ursachen oder Kategorien noch irgendwelchen anderen scheinbar logischen Begründungen erfassen lässt. Er hat sich zu einem Automatismus entwickelt, mit dem beide Seite auf absurde Weise zu leben gelernt haben.


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