Autobiografie eines Holzofens

Ich erinnere mich an meinen Vater, der meinte: Du bist so respektlos. Und ich erinnere mich an meine Mutter, die sagte: Nimm mehr Rücksicht, Du musst Verständnis haben. Und ich erinnere mich an die Nazis aus dem Dorf die mich blöd anmachten – Das ist links man, fang an zu denken!

Ich hatte mir mit Paketklebeband die Markenabzeichen meiner Klamotten abgeklebt und mit Edding groß PROTEST drauf geschrieben. Ich sah die Leute auf der Straße und versuchte anders zu sein – und ich erinnere mich auch warum: Meine Leistungen im Fußball waren so ungenügend, dass ich beschloss, anders zu sein. Ganz klar gekränkte Eitelkeit. Komisch, dass das bis heute anhält.

Ich erinnere mich an Tocotronic: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein. Und ich erinnere mich an Plan B: Bomb me happy! Ich erinnere mich an Samstagabende. Nachts ohne Licht auf dem Fahrrad besoffen zur nächsten Party fahren, die Vorräte leertrinken, sich über die schlechte Musik beschweren und wieder abhauen. Ich erinnere mich an Demos. An Parolen, Bullen und an Gewalt. Und ich erinnere mich an Fahrten nach Berlin zum Karreraklub, zu Oasis und zu Radiohead. Ich war begeistert und ich war verblendet. Ich fand mich cool und hatte keine Ahnung wie blöd ich aussah.

Ich erinnere mich an Menschen, die an ihren Idealen zerbrochen sind. Und ich erinnere mich an Menschen, die alles das über Bord warfen, für das sie einst standen. Ich erinnere mich an barfuß durch Obstgärten streifen, an Fahrradfahrten in den Sonnenuntergang, Zelten in einsamer Wildnis und den ersten Kuss in der großen Schulpause. Ich erinnere mich an laute Musik, Drogen, besoffen in der S-Bahn einschlafen und daran, wie ich mit wildfremden Menschen über Kapitalismus und Rockmusik der 70er Jahre diskutierte.

Ich erinnere mich an Eifersucht, Einsamkeit und das Gefühl nicht verstanden zu werden. Daran, dass ich dachte: Was sind das nur für Menschen? Ich hatte gelernt. Ich konnte mich nicht mehr mit normalen Menschen unterhalten. Ich hatte Abgründe gesehen. Ich hatte Angst. Mir war nichts egal. Ich stritt mich weiterhin über Banalitäten und fühlte nichts dabei. Ich war erstaunt über meine Bedeutungslosigkeit und hörte auf darüber nachzudenken.

Ich erinnere mich an Licht, dass immer blendete, an Hitze und an Wind, der mir Sand ich die Augen blies. Ich erinnere mich an Fehler, die keine sein sollten, an Tränen, unscharfe Konturen und blasse Farben.

Ich erinnere mich daran, dass ich mich nicht erinnere.

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