Das deutsche Web 2.0 hat eine neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird. StudiVZ möchte seine AGBs ändern und plötzlich schreien alle auf. Da ist plötzlich allerorts von Datenschutz-GAU, Schnüffel- oder Stasi-VZ die Rede. Viele melden sich in der Folge ab oder verfälschen ihre Daten. So löblich und begrüßenswert dieses scheinbare neue Bewusstsein für Datenschutz ist, so irrational ist es in vielen Fällen.
Denn oft sind es dieselben Personen, die regelmäßig andere Web-Dienste wie (von) Google, Yahoo, Hotmail/Live, Web.de, GMX, Xing, Facebook o.ä. in Anspruch nehmen. Oder aber sie haben Kundenkarten und nehmen an Rabattprogrammen wie HappyDigits oder Payback teil. Oder sie nehmen an diversen Gewinnspielen und Umfragen teil und geben so ihre Daten bereitwillig preis…
Dies sind nur einige der möglichen Wege, seine Daten der Werbewirtschaft zur Verfügung zu stellen – in vielen Fällen sogar noch krasser und umfangreicher als bei StudiVZ. Denn hier sollen die Daten, offiziellen Aussagen zufolge, nicht an Externe verkauft oder weitergegeben werden (was theoretisch, auf die deutsche Rechtslage bezogen, auch rechtlich problematisch wäre). Bei StudiVZ soll das praktisch so aussehen, dass Werbekunden ihre Ansprüche dahingehend äußern können, bei welchen Profilmustern ihre Werbebotschaft eingeblendet werden soll. Werbung für Bartschneider sollen demnach also nur noch für männliche Kunden eingeblendet werden, Tampon-Werbung entsprechend nur für weibliche.
Keine Frage – keinen Zweifel! Dass Verhalten von StudiVZ ist aus Datenschutz-Perspektive äußert besorgniserregend. Diese sehr punktuelle und eingegrenzte Debatte zeigt aber, wie wenig ein echtes Bewusstsein zum Thema Datenschutz verbreitet ist. Vielmehr scheint es sich beider Aufregung der letzten Wochen um ein fruchtbares Thema für die Medien zu handeln – und das nicht weil Datenschutz so ein großes Thema ist, sondern StudiVZ selbst. Sonst ist es auch nicht zu erklären, dass andere Datenschutz-Missstände in der öffentlichen Debatte keine Rolle spielen. Beispielsweise die Rabattprogramme, die wirklich Daten weitergeben (zumindest an Programmpartner), das neue Gesetz zur Online-Überwachung der Bundesregierung oder die Speicherung von biometrischen Daten in Ausweisdokumenten.
Das Interesse der Medien gilt weniger dem Datenschutz als vielmehr StudiVZ selbst. Dies hat Gründe. StudiVZ ist innerhalb kürzester Zeit extrem erfolgreich gewesen. Niemand hatte diesen nahezu phänomenalen Mitgliederzuwachs vorausgesehen. Die Gründe dafür liegen meiner Meinung nach nicht in einer besonders ausgefeilten Marketingstrategie sondern vielmehr im Nutzen für die Mitglieder. Nutzen klingt in diesem Zusammenhang sehr ökonomisch, ich meine es aber hier in einem breiteren Zusammenhang. Viele Leute haben sich beim StudiVZ angemeldet, ihre Daten eingetragen und Bekanntschaften abgebildet weil es für sie selbst einen ‚Vorteil‘ hatte. Um dies näher zu erläutern muss ich vorher noch klarstellen, dass ich den Begriff der Freundschaft passender mit dem Begriff der Bekanntschaft ersetzten würde. Denn ganz klar sind viele der „Freundschaften“ ‚nur‘ Bekanntschaften in sehr unterschiedlich engem Sinne.
Was ist also das StudiVZ? Es ist ein Adressbuch der Bekanntschaften. Es ist eine Plattform, um Personen wiederzufinden – sei es von der gestrigen Party oder der Sandkastenfreundschaft von früher. Es ist eine Plattform um Gleichgesinnte in mehr oder minder geistreichen Gruppen zu finden. Und es ist eben auch, machen wir uns nichts vor, eine Plattform, um den gesellschaftlich weit verbreiteten Trieb des Zur-Schau-Stellens und des Voyeurismus zu frönen. Es ist egal, was es für jeden Einzelnen ist – es funktioniert offenbar. Ich denke der Grund dafür lässt sich hauptsächlich durch zwei Faktoren erklären.
Zum Einen füllt das StudiVZ mit seinen Funktionen auf geschickte Weise eine Lücke in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Nämlich die zwischen dem Nicht-Kontakt und der Bekanntschaft, deren Handynummer oder E-Mail-Adresse man gespeichert hat. Ganz praktisch gesprochen – beim anfänglichen Kontakt zu einer (im besten Fall sympathischen) Person ist es einfacher eine StudiVZ-Freundschaft zu schließen, als nach der Handynummer oder ähnliches zu fragen. Genauso ist die Schwelle zur erneuten Kontaktaufnahme geringer: Es ist einfacher und weniger aufdringlich, jemand eine Nachricht zu senden als anzurufen oder eine Kurzmitteilung zu schicken – zumindest geht das mir so. Es dient also auch dem In-Kontakt-Bleiben. Und das finde ich persönlich, der sich nur selten dazu überwindet Bekannte anzurufen – nur um in Kontakt zu bleiben, sehr nett.
Der andere Faktor, den ich als Ursache für den Erfolg des StudiVZ ausmache, beinhaltet in gewisser Weise auch das oben bereits Genannte. Es funktioniert so gut weil unsere Gesellschaft eben genauso funktioniert – Stichwort: Netzwerkgesellschaft. Unser soziales Umfeld (und in diesem Zusammenhang auch Identität u.v.m.) definiert sich immer weniger durch Familienzugehörigkeit, Herkunft o.ä. – es basiert mehr und mehr auf knotenartige Verknüpfungen, die sich zu einem großen oder mehreren kleinen Netzwerken – auch von Bekanntschaften – zusammenfügen. StudiVZ ist es gelungen die Funktionsweise dieser Netzwerkgesellschaft abzubilden und für die Mitglieder des Netzwerks nützlich zu machen. Vielleicht lässt sich das persönliche Netzwerk des Einzelnen (also zu Teilen das, was die „Freundschaften“ im StudiVZ abbilden) am ehesten mit der Bedeutung des Stammbaumes vor einigen Jahrzehnten (ruhig auch Jahrhunderten) vergleichen.
Natürlich könnte man an dieser Stelle die Argumentation noch um einiges grundsätzlicher führen. So ließe sich beispielsweise die Frage stellen, was denn die Ursachen und die Notwendigkeit dieser Netzwerkbildung sind. Aber an dieser Stelle beschränke ich mich mal aufs StudiVZ, mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass der Erfolg grundsätzlich gesehen natürlich auf der funktionalen Konstruktion von Bedürfnissen und Zwängen basiert.
Nun ist aber klar – das StudiVZ ist in seiner aktuellen Form und unter den gegebenen Umständen eine höchst suboptimale Sache. Welche Alternativen bieten sich an?
Da haben wir relativ einfache Lösungen. So können mit Werbeblockern (ich nutze AdBlock Plus für Firefox) die Werbebanner wirksam ausgeblendet werden. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Manipulation der Daten. Dies kann auch so geschehen, dass sie für die marketingrelevante Auswertung relativ unbrauchbar sind, aber dennoch für die Bekanntschaften weiterhin zur Verfügung stehen. Zum Beispiel, in dem die Daten nicht in den vorgesehen, sondern in andere Felder, abgelegt werden. Für Computer, welche die Daten gemäß ihrer vorgesehenen Eingabefelder analysieren, sind diese Daten weitgehend nutzlos.
Konsequenter ist natürlich die Abmeldung und bei Interesse die Nutzung eines alternativen Dienstes. In den letzten Wochen scheint sich diesbezüglich kaioo als eine vorgeblich nichtkommerzielle Alternative herauszubilden. Bislang ist die Bedienung etwas unübersichtlich und die Nutzerzahlen sind noch nicht mit denen von StudiVZ vergleichbar. Dennoch kann sich auch dies, wie gesehen, recht schnell ändern. Kaioo gibt an, die Daten nicht an Dritte weiterzugeben und Werbeeinnahmen, es gibt also ebenfalls Werbung, an gemeinnützige Organisationen zu spenden. Welche Organisationen das sind, soll demokratisch von allen Mitgliedern bestimmt werden.
Bleibt abzuwarten, wie die Geschichte weitergeht. Unter Umständen lässt sich aufgrund des massiven Drucks von Nutzerseite bei StudiVZ noch etwas Grundlegendes ändern. Ich bezweifle dies, aufgrund der kommerziellen Ausrichtung (Holtzbrinck usw.), jedoch stark. Dennoch finde ich die Idee eines Netzwerkes wie StudiVZ grundsätzlich sinnvoll und weiterhin wünschenswert.
Meine Meinung, ne?!